Mundart-Sagen-Wanderungen im Oktober 2003
Vorgetragene Sagen (9) - Hochdeutsche Version
Der Schloßgarten auf dem großen Stiefel
Die Burg auf dem „Großen Stiefel“ bei
St. Ingbert war längst schon zerfallen und wildes Gestrüpp wucherte in dem
ehemaligen Schloßgarten. Da kam ein Mädchen aus einer nahen Ortschaft an die
Halden des Berges um würzige Waldbeeren für die Mutter zu suchen, die krank
und siech daheim in der ärmlichen Hütte lag.
Trotz aller Mühe konnte
das Kind, das immer weiter den Berg emporstieg, nichts finden. Als es die Höhe
erreichte, sah es mit Staunen in der Nähe des Schlosses statt niedrigen Gesträuches
einen herrlichen Garten mit Blumen und Früchten. Seine Verwunderung wuchs noch
mehr, als sich eine stattliche Frauengestalt in prächtigem Gewande näherte.
Die Erscheinung winkte der Kleinen, die zögernd und furchtsam in den Garten
folgte. Dort wurde ihr bedeutet, das Körbchen mit den schönsten und würzigsten
Beeren zu füllen. Rasch pflückten die kleinen Hände und bald hatte das Mädchen
genug. Dann aber brach die Dame die herrlichsten Rosen ab und gab sie dem Kinde
in die Schürze, bis diese nichts mehr fassen konnte. Hierauf gebot sie dem Mädchen
alles der Mutter zu bringen.
Die Beschenkte stammelte
ihren Dank und trat eilend den Heimweg an. Erfreut empfing die Mutter ihren
Liebling; sie hatte sich schon sehr um ihn gesorgt und gefürchtet, es möchte
ihm im wilden Forst ein Leid begegnet sein. Wie erstaunte sie aber, als das Kind
seine Gaben vor ihr ausbreitete und sein Erlebnis erzählte.
Die Mutter aß von den
saftigen Beeren und fühlte sich sofort erfrischt und von neuem Leben beseelt.
Mit den Rosen schmückten beide die ärmliche Stube. Als sie aber am Morgen
erwachten, die Mutter vollkommen gesund, da hatten sich in der Nacht die Rosen
in eitel Gold verwandelt. Die Beglückten eilten auf den Berg, um der gütigen
Spenderin zu danken. Der schöne Garten jedoch mit seinen Beeren- und
Blumenbeeten war verschwunden und an seiner Stelle wucherten wieder wilde
Hecken.
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Last update: 04.11.2003