Mundart-Sagen-Wanderungen im Oktober 2003
Vorgetragene Sagen (6) - Hochdeutsche Version
Der unheimliche Jäger des Stiefels
Um das Jahr 1856, als sie an einem Tag von der Arbeit auf dem Hüttenwerk befreit waren, beschlossen sie, sich im Wald am Stiefel eine Fuhre dürres Holz zu machen und beschieden einen Verwandten zum Abholen des Holzes zur gewissen Stunde am bezeichneten Ort mit der Kühfuhre einzutreffen.
Sie gingen hierauf in den Stiefeler Wald und trafen am östlichen Abhang des Stiefels, ungefähr 100 Schritte von seinem höchsten Punkt einen dürren, eichenen, noch auf der Wurzel stehenden Stumpen, der einige Tragläste Holz abwerfen mochte. Sie schickten sich gleich an mit ihren Äxten diesen Stamm, dessen oberer Theil abgebrochen und schon weggebracht war, zu fällen. Sie hieben von beiden Seiten fleißig darauf los, aber trotz der guten Schneiden ihrer Äxte ging nicht ein einziger Hieb ein und unter der Wurzel dieses Stammes pummert, rumpelt und poltert es bei jedem Hieb, als wolle der ganze Stiefel auf einmal zusammenstürzen. Es wird ihnen angst und bang, der Angstschweiß rieselt in starken Tropfen von der Stirn, sie laßen zu gleicher Zeit mit ihren Hieben nach, blicken sich ängstlich verwundert in stummfragender Miene gegenseitig an und gewahren urplötzlich vor sich stehend den obenbeschriebenen alten Jäger.
Wer vermag ihren Schrecken zu beschreiben? Schneller
als man denken kann, ergreifen sie die Flucht, rennen gleich einem gehetzten Reh
den Berghang herab und treffen unten auf der Ebene die bestellte Kühfuhre, die
sie schnell umkehren und unverrichteter Sache nach Hause eilen, mit dem
festesten Vorsatz, auf dem Stiefel kein Brandholz mehr zu sammeln, das sie bis
heute auch gehalten.
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Last update: 04.11.2003