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Mundart-Sagen-Wanderungen im Oktober 2003


Vorgetragene Sagen (5) - Hochdeutsche Version


Der Riese auf dem Großen Stiefel

Vor alten Zeiten wohnte einmal droben auf dem Großen Stiefel ein gräulicher Riese, der so stark war, daß er die stärksten Waldbäume wie Hanf ausreißen und Felsenstücke so groß wie kleine Häuser aufheben konnte, was man an dem Riesentisch dort an der Seite des Stiefels, gegen das Mühlthal hin, sehen kann, den er sich gemacht hat.

Der Riese lebte von Menschenfleisch und hieß Kreuzmann und zwar vielleicht deshalb, weil er den Menschen soviel Leid und Kreuz machte, da er doch ein gottloser Heide war. Von Zeit zu Zeit stieg er von seinem Berge herab in die Thäler, wo die Bauern in Hütten wohnten, und raffte ohne Unterschied alle Menschen zusammen, deren er habhaft werden konnte und schleppte sie auf den Großen Stiefel, wo er sie in einen großen hölzernen Käfig einsperrte, bis er Hunger bekam. Die Leute sollen in dem Käfig oft so arg geschrieen haben, daß man es weithin habe hören können. Darüber habe sich der Riese aber gefreut und habe gesagt: „Wie schön meine Vögel pfeifen!“

Wenn er Hunger bekam und eine Mahlzeit halten wollte, nahm er einen oder mehrere Menschen heraus, um dieselben zu schlachten. Auf seinem Felsentisch verzehrte er sodann dieselben, nachdem er sie vorher auf der Felsenplaine, an deren Ende sein Tisch stand, gebraten hatte.

Lange Zeit trieb so der Riese sein Unwesen, da ermannten sich endlich die Leute, denen er doch bald zu arg machte, und beschlossen ihn anzugreifen. Man wartete den Zeitpunkt ab, da er eine Mahlzeit gehalten hatte, weil er gewöhnlich darauf einige Tage fest zu schlafen pflegte. Da thaten sich die Leute zusammen und schleppten Stroh, Reisig und Gehölz um den Thurm, wo der Riese schlief, und zündeten es an, um denselben zu ersticken. Als der Rauch in das Gemach eindrang, wo der Riese schlief, wurde er aber von demselben wach und hielt ihn für einen etwas dicken Waldnebel. Der Rauch aber kitzelte den Riesen in der Nase, daß er plötzlich niesen mußte, was aber ein solches Getöse verursachte, daß die Leute erschrocken den Berg hinabflüchteten.

Aus seinem Gemache tretend, um frische Luft zu schöpfen, gewahrte er jedoch alsbald das angezündete Feuer und merkte nun, was man mit ihm vorhatte. Da wurde er sehr zornig und ergriff das nächste Beste, was ihm in die Hände kam, seinen Wetzstein, und wollte ihn auf seine Feinde schleudern. Der Wetzstein fuhr sausend durch die Luft und fiel ohne jemand zu beschädigen, da er über die Menschen weit hinwegflog, aufs Renntriesch, mit der Spitze in die Erde, wo er zum Wahrzeichen neben dem Bache heute noch zu sehen ist.

Der Riese aber stolperte, als er den Berg herablaufen wollte, um mit einem Baume die Feinde zu erschlagen, über einen Stein und stürzte betäubt nieder.

Als dies die Feinde sahen, liefen die beherztesten derselben herbei und schlugen ihn vollends tot. Und begruben ihn in ein tiefes Loch und deckten seine Leiche solange mit Steinen zu, bis daraus ein kleiner Berg entstand, der heute noch das Riesengrab heißt.

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Last update: 04.11.2003