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Mundart-Sagen-Wanderungen im Oktober 2003


Vorgetragene Sagen (1) - Hochdeutsche Version


Vetter Lorenz, der Köhler

Gleich Gutes geschah Vetter Lorenz[1], dem Köhler. Der saß eines Abends im Wald[2] vor seiner Hütte, sein kärgliches Mahl war schon verzehrt, aber den Rest, den sog. „Gottestheil“, hatte er wie gewöhnlich zur Seite gestellt. Da steht ein Männlein vor ihm und bittet um eine kleine Erfrischung. Es war ein seltsames Wesen, es reichte dem Köhler bis kaum an die Kniee, hatte einen gewaltigen Kopf mit eis-grauem Barte und funkelnden Augen, darauf eine Zipfelkappe, um die Schulter einen Schnappsack, die Hand hielt einen dicken knolligen Stock. Der Köhler willfahrte und führte seinen seltsamen Gast endlich zur Ruhe. In der Nacht wird Lorenz geweckt. Das Männlein, eine Kienfackel in der Hand, führte ihn bergab und bergauf bis an den Gränzstein des Bischmisheimer Bannes. Hier gab sich der Führer als ein Zwerglein aus dem Gumbersteine zu erkennen und sprach: „Grabe hier an dieser Stelle hinunter und verwerthe das unscheinbare Gestein!“ Mit einem „Glück auf!“ war der Kleine verschwunden. Der Köhler machte es also und ward ein grundreicher vielbeneideter Mann. Der Abt des Klosters Wadgassen, welchem „das Recht auf alle Mineralia unter der Erde auf Ensheimer Banne“[3] zustand, wollte das Schürfen nunmehr auf eigene Rechnung betreiben. So aber wollten es die Zwerge nicht. Der Abt ließ graben und graben, und statt des erwünschten Gewinnes erhielt er nichts als lauter leeres, taubes Gestein.


[1]Vielleicht handelt es sich um Lorenz Minerath, der im Protokoll zur Bannrenovatur 1693 erwähnt ist und eine Zeitlang als Köhler und Pottaschebrenner unterhalb des Großen Stiefel gearbeitet hat. 

[2]Hebel, op. cit. (1912), S. 56 konkretisiert den Ort dieser Sage; es ist das Escherstal bei Ensheim, das in verschiedenen Bannbeschreibungen seit 1458 immer wieder erwähnt worden ist und Teil des heutigen Ensheimer Tals (in der Nähe des Triebenbergs) ist. 

[3] Das Kloster Wadgassen war seit 1435 alleiniger Grundherr in Ensheim.


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Last update: 04.11.2003