Mundart-Sagen-Wanderungen im Oktober 2003
Vorgetragene Sagen (10) - Hochdeutsche Version
Der Raubritter auf dem Stiefeler Schloss
Als das Schloß auf dem Stiefel zerfallen war, kam
eines Tages ein fremder Ritter mit seinen Mannen in diese Gegend, stellte die
Burg wieder her und machte sie zu seinem Wohnsitze. Man wußte nicht mehr, woher
er kam, nur, daß er Reppert heiße, war bald bekannt. Das Volk aber nannte ihn
wegen der viele Überfälle und Räubereien, mit denen er die ganze Gegend
unsicher machte, den „Schnapphahn“.[1]
In einem engen, fast finsteren Tälchen, von Ausläufern des Stiefels
gebildet, stand eine von den Untergebenen des Ritters betriebene Waffenschmiede
und die sogenannte Brudermühle[2].
Heute liegt dort das Dorf Rentrisch[3].
Hier lauerte der Raubritter den vorüberziehenden Reisenden auf. Weit und breit
war diese Stelle gefürchtet und mancher Reisende mußte unfreiwillig ins
Burgverließ des Raubschlosses wandern. Lange machte Reppert durch sein
Un-wesen die ganze Gegend unsicher.
Doch sollte ihn auf einmal das Schicksal ereilen. Einst hatte er eine Jungfrau aus dem Dorfe Scheidt geraubt und hielt sie auf seinem Schlosse gefangen. Da ward er plötzlich von einer bösen Krankheit befallen und da das böse Gewissen ihn peinigte, so fürchtete er überall Gift und Verrat. Niemand durfte weder ein- noch ausgelassen werden. Bei Nacht verwahrte er die Burgschlüssel unter seinem Haupte. Von Arzneien wollte er, aus Furcht vergiftet zu werden, nichts wissen. Die Gefangene bat ihn, nach Saarbrücken zu einem Heilkünstler gehen zu dürfen, um einen Heiltrunk für ihn bereiten zu lassen. Anfangs wollte er darauf nicht eingehen, als aber nach zunehmender Krankheit keine andere Wahl mehr blieb, ließ er sie gehen. In Saarbrücken bereitete man einen Schlaftrunk für denselben und als er bei ihrer Rückkehr gierig zwei Flaschen davon leerte, schlief er so fest ein, daß der lauteste Trompetenschall ihn nicht aufgeweckt haben würde. Draußen aber harrten schon die Kriegsknechte und auf das verabredete Zeichen drangen diese in das Schloß und knebelten den schlafenden Ritter und brachten ihn nach Saarbrücken. Als er in der frischen Luft erwachte, erkannte er, daß er ein verlorener Mann sei. Im Triumphe führte man ihn durch die Stadt, wo er bald durch das Henkerbeil vom Leben zum Tod befördert wurde. Die Burg aber wurde zerstört und liegt seitdem in Trümmern.
[1] Noch heute heißt ein kleines Tal beim Großen Stiefel im Volksmund „Schnapphahne-Dell“.
[2] Das war seit etwa 1300 die Bannmühle des Kloster Wadgassen, in der die wadgassischen Untertanen aus Ensheim, Eschringen, Heckendalheim usw. ihr Getreide mahlen lassen mussten. Dazu führt Wüstner, op. cit., S. 73 folgendes aus: „Zum ersten Mal wird [1400, PG] eine Mühle im Besitz des Klosters genannt. Es handelt sich um die erwähnte ‚Brudermühle’ auf Rentrisch. Sie wurde von der Abtei als Bannmühle gebaut. Auf dem Bann beim Dorf Ensheim war kein geeigneter Platz an einem Bach oder Wasserlauf gefunden worden. Darum wurde die Mühle bei Spillstein an der Banngrenze und an der großen Straße, die von Metz nach Worms und weiter nach Mainz führte, errichtet. Bei der Mühle hat eine Rastschenke für Reisende gestanden. Die Mühle gehörte zur Abtei, wurde auch durch das Kloster gebaut und danach verpachtet. Zu dieser Zeit war das Gebiet bei der Mühle noch Wildnis, tiefer dunkler Wald.“ Eine Karte vom Grenzverlauf am Rentrisch findet sich bei Wüstner, ebda., S. 74.
[3] Siehe die Bannkarte von 1751, S. 90.
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Last update: 04.11.2003